Elternwerkstatt
05.07.2017 | Erziehungstipps

Zeugnistag

Der Vater zitterte vor Wut, als er auf all die Vierer und Fünfer im Zeugnis seines 14-jährigen Sohnes starrte. "Hab ich es Dir nicht gesagt? Es musste ja so kommen!" fuhr er ihn an. Der Sohn senkte den Kopf und sagte keinen Ton. "Du bist einfach stinkfaul!" schimpfte er weiter. Sein Schweigen steigerte noch die Wut des Vaters. "Es hat überhaupt keinen Sinn, mit Dir zu reden. Aus dir wird sowieso nie etwas!"

Damit das Selbstwertgefühl Ihres Kindes nicht in den Keller sinkt und im Extremfall zu Schockreaktionen wie Ausreißen oder Selbstmord führt, ist es wichtig, dass Sie es emotional unterstützen. Egal was passiert, an der Liebe und Solidarität seiner Eltern sollte Ihr Kind niemals zweifeln müssen. Die Kernbotschaft muss lauten "Du bist mir wichtig und wertvoll und ich mag dich wie du bist – auch wenn mir deine momentanen Leistungen nicht passen." Der Erfolgsdruck unserer Leistungsgesellschaft kann für manche Eltern und deren Kinder zu einem richtigen Albtraum und zu einem Teufelskreis aus Angst und Misserfolg führen. Negative Prophezeiungen haben es außerdem in sich, dass sie sich selbst erfüllen, weil Kinder gar nicht anders können, als den Erwartungen ihrer Eltern zu entsprechen.

Die Nerven bewahren
Wenn sie nun am Zeugnistag die böse Überraschung präsentiert bekommen oder Ihre Befürchtungen bestätigt sehen, so kann es sein, dass einigen Eltern die Nerven durchgehen. Watschen fliegen, Türen knallen, Kinder werden beschimpft. Natürlich wird es nicht überall so krass sein, aber allein schon die klassische Standpauke ist kontraproduktiv. Sie bewirkt, dass das Kind "zumacht" oder trotzig reagiert. Es muss sich verteidigen oder rechtfertigen. Daher wird es nach Argumenten suchen, die sein "Versagen" rechtfertigen oder weniger schlimm erscheinen lassen, z.B. "Der Hans ist noch viel schlechter als ich!", "Die Lehrer waren unfair!". Sie müssen auch mit Gegenangriffen rechnen wie: "Ihr habt mir ja keine Nachhilfe bezahlt!" oder "Du warst auch nicht gut in der Schule!". Mit der Moralpauke, mit Drohungen und Strafen lösen Sie also nur Re­aktionen aus, die weder zur Einsicht noch zur Suche nach Lösungsmöglichkeiten führen. In Wirklichkeit geht es Ihnen jedoch gerade darum – oder?

Ein ernstes Wort, aber keine Standpauke
Wenn Sie beim Anblick des Zeugnisses oder ähnlichen Anlässen befürchten, die Fassung zu verlieren, oder wenn Sie merken, dass Ihr Kind jetzt nicht in der Lage ist, Ihnen wirklich zuzuhören, sparen Sie ein Gespräch für später auf. Sie senden eine "Ich-Botschaft" (Sie sagen ehrlich, wie es Ihnen dabei geht, wenn Sie so etwas vor sich haben), zB "Ich bin ganz schön überrascht/ent­täuscht, wenn ich das vor mir sehe. Ich fürchte, dass ich mich jetzt nicht beherrschen kann. Ich möchte später mit dir reden. Wann passt es für dich?". oder: "Ich bin sehr betroffen von diesem Zeugnis. Kannst du dir erklären, wie es soweit kommen konnte? Hast du dir schon überlegt, wie es jetzt weitergehen soll?" Sie schildern nur, wie die Situation auf Sie wirkt, belasten die Beziehung aber nicht mit Vorwürfen.

Die gemeinsame Suche nach Lösungen steigert das Verantwortungsgefühl Ihres Kindes
Weiters belassen Sie die Verantwortung bei Ihrem Kind und trauen ihm auch zu, eine Lösung für seine Probleme zu finden. Dies wirkt sich positiv auf sein Selbstwert­gefühl und seine Motivation aus. Je jünger das Kind, umso mehr liegt die Gesamtverant­wortung jedoch bei Ihnen. Sie sollten sich daher fragen: "Stimmt unsere Beziehung und das Familienklima?" "Hat das Kind gute Rahmen­bedingungen?" (Schule, Freizeit, etc.) "Ist es überfordert?" "Hat es Probleme?" Manche Kinder haben das Gefühl: "Meine Eltern interessieren sich nur für meine Leistungen. Wie es mir dabei geht, ist Ihnen egal!"

Woran auch immer es liegen mag - Misserfolg ist immer etwas Schwieriges und Unangenehmes. Wer ihn aber richtig zu bewältigen lernt, hat daraus oft einen größeren Gewinn an Erfahrung und Entwicklung als der Erfolgsverwöhnte. Daher ist es wichtig, im Misserfolg nicht so sehr das Versagen, sondern mehr die Chance zu sehen.

   Mag. Maria Neuberger-Schmidt
Lebens- und Erziehungsberatung, Vorträge, Seminare, Beratung gem. §95 Abs.1
Gründerin Verein Elternwerkstatt, Urheberin ABC-Elternführerschein®, Autorin
1230 Wien, Altmannsdorfer Straße 172/31/2
Tel.: +43 (0)676/4155538
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