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 Der Lehrer als glücklicher Sisyphos?
Von Josef   K r a u s


Sisyphos – das ist bekanntermaßen ein Held der griechischen Mythologie. Wir kennen ihn als rastlosen Seefahrer, als listigen Herrscher von Korinth, ja, so will es manche Sagenversion, als unehelichen Vater des nicht minder listenreichen Odysseus. Vor allem aber kennen wir Sisyphos als gerissenen und zugleich tragischen Helden.



Sympathischerweise hatte er den Todesgott Thanatos für ein paar Tage zu fesseln gewusst, so dass während dieser Zeit niemand mehr sterben musste. Da die Götterwelt solche menschliche List aber nicht dulden mochte, wurde Sisyphos in die Unterwelt verdonnert. Von dort entkam er mit einem Trick – allerdings nur vorübergehend. Seine zweite Einweisung in den Hades ist dann mit einer heftigen Strafe verbunden, die Sisyphos als Unterweltler und als Mythos unsterblich macht: Er muss einen riesigen Felsblock einen steilen Berg hinaufwälzen. Hat er ihn keuchend endlich zum Gipfel gebracht, rollt der Brocken unaufhaltsam wieder hinab in die Tiefe und die Plackerei beginnt von neuem.

So oder so ähnlich sehen sich heutzutage Tausende von Lehrerinnen und Lehrern: Ihr Jahres- und ihr Tagesgeschäft beginnt immer wieder von vorne. Wenn sie eine Abschlussklasse mit mehr oder weniger Erfolg ins sogenannte Leben entlassen haben, kommt ein neuer, womöglich noch schwieriger Jahrgang.

Das ist der Lauf der Welt, das ist auch das Bereichernde am Lehrerberuf. Mancher Lehrer mag sich das nicht gerne bewusst machen, denn womöglich erinnert das ständige Kommen und Gehen von Jahrgängen mehr als in fast allen anderen Berufen an die Endlichkeit der eigenen beruflichen Vita.

Zum wahrhaft Felsen bzw. Probleme wälzenden Sisyphos aber werden Lehrer,

  •  wenn sie Zeit, Engagement und Energie in Klassen oder Einzelschüler investieren, dies aber mangels Motivation der Schüler- und/oder Elternschaft keinerlei Spuren hinterlässt und
  • wenn solchermaßen das Hickhack am nächsten Tag von vorne beginnen muss.

Natürlich ist ein solcher Dienst am Gemeinwesen bzw. an der nachwachsenden Generation nicht zu verwechseln mit dem Abbüßen einer Strafe in der Unterwelt. Aber schulische Pädagogik wird doch oft genug zum nervtötenden Bohren verdammt dicker Bretter. Es gehört manchmal viel pädagogisches Ethos und viel pädagogisch-konstruktive Dickschädeligkeit dazu, ein solches dickes Brett zu bohren bzw. einen solchen dicken Stein immer neu anzupacken.

Die meisten Lehrer tun dies gern und selbstverständlich. Sie wissen, dass auch einem Arzt oder einem Bauarbeiter oder einer Bankangestellten nicht immer alles Berufliche Spaß und Freude bereitet.

Aber die Öffentlichkeit, genauer gesagt: die öffentliche bzw. die veröffentlichte Meinung, hat ein oft genug verzerrtes oder zumindest einseitiges Bild vom Lehrerberuf.

Wahrscheinlich reicht so manche Aversion gerade der Deutschen gegenüber Lehrern weit und tief. Das beginnt schon mit der deutschen Literatur. Wenn deutsche Dichter und Denker über die Schule geschrieben haben, dann haben sie dies zum grössten Teil in einer Melange aus Schulangst und Tyrannenfurcht getan. Teilweise entsprang diese Haltung einer Auflehnung gegen die schulische Reproduktion eines preussischen Untertanengeists. Auch die schrill karikierenden Namen, die Lehrer in der Literatur bekamen, sprechen Bände: „Affenschmalz“, „Knochenbruch“, „Sonnenstich“, „Fliegentod“ heißen sie etwa bei Frank Wedekind oder „Unrat“ Heinrich Mann.

Und selbst bei Thomas Mann erlebt man Lehrer überwiegend als grausam, lächerlich, verstockt, senil oder besessen. Gottfried Keller, Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht sind weitere Vertreter einer deutschsprachigen Literatur, die ein sehr kritisches Lehrerbild kennt. Bei Robert Musil etwa („Die Verirrungen des Zöglings Törleß“) ist die Schule nichts anderes als eine „unwirtliche Fremde“.

Gar nicht so selten sind es Pauker, die Schüler in den Suizid treiben:

-          In Hermann Hesses „Unterm Rad“ begeht Hans Griebenroth Suizid, weil er sich von Lehrern und Eltern missverstanden sieht. Bereits 1906 schreibt ein Rezensent, dass dieser Roman zeige, wie man einen begabten jungen Menschen am zweckmäßigsten zu Grunde richte.

-          In Ernst Jüngers „Die Zwille“ treibt ein Konrektor Zaddeck, ein sadistischer Päderast, einen Schüler in den Selbstmord. Das Schulinternat dort heißt im Schülerjargon bezeichnenderweise „die Presse“. Immerhin aber adoptiert ein Zeichenlehrer Mühlbauer am Ende den verwaisten, ausgegrenzten, sich für alles schuldig fühlenden, sensiblen Schüler Clamor Ebling.

-          In Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ begeht der Schüler Moritz im Endeffekt wegen bornierter Lehrer Suizid.

Die Romantik einer „Feuerzangenbowle“ wiegt dergleichen kaum auf, auch wenn es in deren Widmungsadresse heißt: „Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.“

Das überwiegend Negative setzt sich fort mit Legendenbildungen um Genies der Deutschen. Albert Einstein, Wilhelm Busch, Justus von Liebig, Theodor Fontane, Robert Bosch sollen schlechte Schüler gewesen sein, so will es die Legende. Dass ein Hölderlin, ein Schopenhauer, ein Nietzsche hervorragende Schüler waren, passt nicht so ganz in diese Legendenbildung. Und ebenso wenig passt es ins Bild, dass Georg Wilhelm Friedrich Hegel der berühmteste deutsche Schulleiter war, nämlich von 1809 bis 1815 als Gymnasialdirektor in Nürnberg.

Wahrscheinlich hat alles im Kern mit dem Problem der Deutschen im Umgang mit Autoritäten zu tun. Was die wilhelminische Zeit betrifft, so ist das nachvollziehbar. Eine Wiederbelebung erfuhr diese Aversion gegen Autoritäten dann natürlich durch die „reeducation“ nach 1945 und gut zwei Jahrzehnte später durch die 68er Bewegung mit ihrem antiautoritären Affekt. Damals ist etwas geschehen bzw. suggeriert worden, was sich noch heute auf „die“ Lehrer projiziert.

Dergleichen Vorurteile, Projektionen, Zerrbilder müssten eigentlich nicht sein, denn mit dem Lehrerberuf hat man allein schon aufgrund der Zahl seiner Vertreter eigentlich immer oder zumindest längere Phasen zu tun – üblicherweise sogar regelmäßiger und direkter als mit anderen Berufen: Weniger oder zumindest nicht direkt und nicht alltäglich hat man zu tun mit den deutschlandweit

  • 150.000 Publizisten und Journalisten,
  • unseren 200.000 Juristen
  • den gut 500.000 Ärzten und Apothekern,
  • den 650.000 Ingenieuren und fast 400.000 Diplomkaufleuten.

Von der Regelmäßigkeit der Kontakte mit unseren etwa 30.000 deutschen Pfarrern beider grossen Kirchen wollen wir gar nicht reden, haben diese doch immer weniger Kundschaft. Und den Kontakt mit unseren etwa 10.000 berufsmäßigen Politikern in Deutschland halten viele Menschen ohnehin für überflüssig.

Lehrer gibt es aber 800.000 in Deutschland. Daran kommt man nicht vorbei, diese 800.000 sind Alltagserfahrung. Das bedeutet: Für schätzungsweise 40 Millionen Schüler, Schüler-Eltern und Schüler-Großeltern in diesem Lande spielen Lehrer tagtäglich eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Denn: Diese 800.000 Lehrer in Deutschland unterrichten an 42.000 Schulen 12 Millionen Schüler; pro Tag ergibt das gut 3 Millionen, pro Jahr fast 600 Millionen Unterrichtsstunden und an die 1,5 Milliarden Einzel- und Zeugnis-Noten.

Allein damit erklärt sich recht gut, dass das Verhältnis der breiten Bevölkerung zum Berufsstand der Lehrer gar kein anderes als ein zwiespältiges sein kann. Ohne diese Ambivalenz geht es – realistisch betrachtet – nicht. Schließlich können 800.000 Lehrer in Deutschland nicht alle pädagogische Heilige und Helden zugleich sein. Und jedem halbwegs kritischen Schulleiter fallen sofort zwei oder drei oder vier Namen ein, wenn ihm eine Zauberfee anböte, er könne ein paar seiner Lehrer auf den Mond befördern.

Aber insgesamt ist der Anteil der Heiligen und Helden hier und dort der Anteil Nieten und Bremser im Lehrerberuf gewiss nicht größer oder kleiner als in anderen Berufen. So ist nun einmal das Leben. Der Unterschied ist nur: In anderen Berufen fällt es nicht so flächendeckend auf, wenn einer kein Vorbild ist oder einen miserablen Tag hat.

Ein Lehrer aber, ein Musik- oder Kunstlehrer etwa, der pro Woche 28 Stunden in bis zu 15 verschiedenen Klassen an die 400 verschiedene junge Menschen unterrichtet, multipliziert seine Leistung oder auch seine Durchhänger wöchentlich bis zu 400mal. Will sagen: Es gibt kaum einen Beruf, der in einem so hohen Maße öffentlichen Charakter hat. Manch parlamentarischer Hinterbänkler wäre froh darüber, er würde wöchentlich – auf welchem Wege auch immer – 400 Menschen samt deren Familien erreichen.

Diese Zwiespältigkeit, mit der man dem Lehrerstand begegnet, erweist sich übrigens auch in der Meinungsforschung:

  • Einerseits rangieren die Lehrer in den gängigen empirisch erfassten Sympathieskalen meist weit hinten – oft nur knapp vor Journalisten und Politikern.
  • Andererseits liegen sie wieder ganz oben auf Platz zwei hinter den Ärzten, wenn es um die Frage geht, zu welchen Berufen man in der Bevölkerung am meisten Vertrauen hat (oder haben muss).
  • Zugleich ergeben repräsentative Umfragen, dass man sich Lehrer wieder etwas strenger wünscht und dass man das Lehrerdasein heute angesichts einer veränderten Kindheit und Jugend als verdammt schwierig einschätzt. 

Meinungsumfragen, widersprüchliche Einzelerfahrungen sind das eine. Der ganz konkrete Lehreralltag ist das andere.

Gehen wir den Lehrerberuf also ganz realistisch an. Wir werden feststellen, dass es den Lehrer, die Lehrerin schlechthin nicht gibt. Der Lehrer hier und die Lehrerin dort haben oft weniger miteinander gemein als der Facharzt für Dermatologie hier und der Facharzt für Kieferorthopädie dort, als der Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik hier und der Ingenieur für Holztechnik dort.

Welche Lehrer also haben wir, und was tun sie – rein äusserlich betrachtet?

  • Da gibt es den Gymnasiallehrer der Fächer Deutsch und Englisch, der pro Woche in sieben verschiedenen Klassen und in 25 Unterrichtsstunden über 220 Schüler – vom Elf- bis zum Zwanzigjährigen – unterrichtet und nebenher pro Schuljahr rund 1000 Arbeitsstunden aufbringt, um mehr als zweitausend Aufsätze, Diktate, Testate zu korrigieren und zu bewerten.
  • Da gibt es den Hauptschullehrer, der in seiner Stammklasse Schüler aus zwanzig verschiedenen Ethnien mit entsprechend heterogenen sprachlichen Fertigkeiten und entsprechend disparaten familiären Hintergründen unterrichten, betreuen und für den Lehrstellenmarkt vermittelbar machen möchte.
  • Da gibt es die Lehrerin der Fächer Chemie und Biologie, die an ihrer Realschule so manchen Abend und so manches Wochenende in ihrer Realschule verbringt, um die anstehenden Schülerexperimente vorzubereiten.
  • Da gibt es die teilzeitbeschäftigte Grundschullehrerin, die es bei einem Elternabend mit einer Elternschaft vom kurdischen Vater bis zur Arztgattin zu tun hat.  
  • Da gibt es den Leiter eines beruflichen Schulzentrums mit 4.000 Schülern, 200 Lehrern, 50 verschiedenen Ausbildungsberufen und allen Schulabschlüssen vom nachgeholten Hauptschulabschluss bis zur Allgemeinen Hochschulreife.
  • Da gibt es zugleich die Lehrerin, die während ihrer Elternzeit mit vier Wochenstunden eine Englischklasse übernommen hat, dementsprechend selten in der Schule ist, aber ihrer Schule trotz zweier eigener Kleinkinder aus der Patsche personeller Engpässe hilft. 

Für sich sind dies alles kalkulierbare Umstände und Herausforderungen, die Lehrerinnen und Lehrer üblicherweise mit einer gesunden Mischung aus Routine und Flexibilität packen. Langweilig wird es im Geschäft mit jungen Leuten jedenfalls nie.

Trotzdem gibt es auch für Lehrer Belastungen und auch „Aufreger“, die mit noch so viel Routine nicht von einer Minute auf die andere weggesteckt werden können. Vier mit ganz unterschiedlichen Hintergründen will ich allgemein oder auch anekdotisch skizzieren.

Aufreger Nummer 1

Schier inflationär werden spätestens seit PISA schlaue programmatische Schriften zur Schule im 21. Jahrhundert aufgelegt. In diesen Schriften gibt es offenbar ausschließlich motivierte und kluge Schüler. Solchen Visionen stehen allerdings Realitäten gegenüber, die keine Raritäten sind:

  • Zehnjährige, die morgens mit nichts außer Cola im Bauch in die Schule kommen;
  • Zwölfjährige, die wöchentlich fünfmal die Hausaufgabe „vergessen“;
  • Vierzehnjährige, die keinen Werktag vor Mitternacht zu Hause sind;
  • Sechzehnjährige, die zur Finanzierung von Handy und Designerjacke mehr Zeit beim Jobben an der Tankstelle verbringen als am häuslichen Schreibtisch;
  • Achtzehnjährige, die ihre Volljährigkeit dazu nutzen, sich pro Quartal per eigene Unterschrift an die sechzig Freistunden zu gönnen;

Aufreger Nummer 2

An den Nerv geht vor allem eine in Teilen immer gewaltbereiter und schusseliger gewordene Schülerschaft. Allerdings ist nicht jede der 42.000 Schulen in Deutschland eine Berliner Rütli-Schule, die ja im Frühjahr 2006 bundesweit Schlagzeilen machte, als die Lehrer diese Schule für nicht mehr führbar erklärten. Tatsächlich aber hat die Gewaltbereitschaft unter jungen Leuten zugenommen. Das nagt an vielen Lehrern, auch wenn man verdrängt hat, dass in Deutschlands Schulen seit 1999 zwanzig Lehrer gewaltsam ums Leben gekommen sind. Tagtäglich aber erleben Lehrer, dass - so die Forschung - zehn Prozent der Jungen und drei Prozent der Mädchen – bei steigender Tendenz – als gewaltbereit gelten müssen. Die Gewalttätigkeit hat quantitativ zugenommen, und sie hat sich qualitativ verändert. Will sagen: Es wird heutzutage häufiger zugeschlagen, und es geht brutaler zu.

Neue, medial verfügbare Möglichkeiten der Gewalttätigkeit kommen hinzu. Lehrer kommen dabei zwar nicht körperlich zu Schaden, aber sie werden im World Wide Web schlicht und einfach brutal gemobbt, zum Beispiel indem man sie in pornographische Fotos oder Filme hineinmontiert oder im Bild ihre Hinrichtung inszeniert. Nicht in diesem Maße brutal, aber zumindest gewöhnungsbedürftig ist es, wenn Lehrer von ein paar Schülern - gerichtlich genehmigt - im Internet Zeugnisse ausgestellt bekommen – bis vor kurzem auch in den Kategorie „Ist sexy“. Das ist ärgerlich, es ist aber gleichwohl nicht die Masse der Schüler, die solchen Schrott produziert.

Aber all dies zeigt doch etwas auf, was der berühmte Pädagoge und Psychologe Eduard Spranger bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts monierte.

Spranger kritisierte damals, dass die hauptsächliche Ursache negativer Prägungen unserer Kinder und Jugendlichen "die innere Unwahrhaftigkeit der Gesellschaft ist, nämlich da erziehen zu sollen, wo echte Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt, zumindest nicht geschätzt werden."

Wie recht Spranger doch gerade auch im Blick auf heute hat! Man denke nur an den Schrott, den uns diese Gesellschaft medial zumutet, den wir zugleich als Ausdruck von Informationsvielfalt, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit akzeptieren sollen, gegen den wir aber zugleich in Elternhaus und Schule erziehen sollen!

Aufreger Nummer 3

Wieder ein anderes Szenario spielt sich ab, wenn ein Elternpaar beim Elternsprechtag eine einzelne Lehrkraft 40 Minuten wegen der Note 3 in einer Stegreifaufgabe mit Vorwürfen überhäuft, während vor der Tür bereits fünf oder acht andere Eltern wegen anderer, harmloserer Anliegen warten; wenn diese Eltern dann unzufrieden nach Hause gehen und am Tag darauf einen rechtsanwaltlich ausgewiesenen Widerspruch gegen diese Drei in die Schule faxen.

Überhaupt kommt es immer häufiger vor, dass Eltern so tun, als sei ein Lehrer das einzige Hindernis für ein Kind auf dem Weg zum Abitur und als sei das Abitur des eigenen Kindes die selbstverständliche Bringschuld von Schule und Lehrerschaft.

Und noch mehr nervt es, wenn sich Eltern gelegentlich schlechter als ihre Kinder zu benehmen wissen.

So richtig zum Kochen kommt die Lehrerseele, wenn Eltern die Schule in der vorletzten Woche der Sommerferien gleich dreimal besetzen, weil ihre Tochter im nachfolgenden Schuljahr wegen einer anderen Folge ihrer Fremdsprachenwahl nicht mit der Freundin in einer Klasse zusammen sein kann.

Getoppt wird dieses Anliegen dann nur noch, wenn Eltern ihre Kinder auf dem schulischen Anrufbeantworter für die ersten drei Tage nach den Osterferien krankmelden, diese Kinder dann am vierten Tag gebräunt und quietschfidel wieder auftauchen und längst alle Klassenkameraden wissen, dass hier offenbar ein Flug in die Karibik um ein paar hundert Euro billiger war, weil man ja außerhalb der Ferienzeiten gebucht hatte.

Überhaupt die Eltern: Im Gros sind sie gewiss kooperativ, einsichtig und vernünftig. Eine pauschale Schelte von Lehrern gegen Eltern geht insofern ebenso daneben wie eine pauschale Schelte von Eltern gegen Lehrer. Aber tatsächlich versagen immer mehr Eltern aus den unterschiedlichsten Gründen vor den eigenen Erziehungspflichten. Sie versagen damit vor dem Gebot des Grundgesetzes, das da in Artikel 6 heißt: „Pflege und Erziehung sind das vornehme Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“

Einem gewissen Anteil von Eltern ist es mittlerweile völlig egal, was in der Schule ihrer Kinder los ist. Andere sind sich zu bequem, um ihren Kinder Vorgaben zu machen oder ihnen wenigstens zuzuhören. Wieder andere resignieren schlicht und einfach vor dem Einfluss von Mitschülern, Medien und Pop-Kultur. Sie kommen dann durchaus schon mal in die Schule, um sich für die Erziehung zu Hause Rat und Unterstützung zu holen. „Machen Sie meinem Kind doch bitte einmal klar, dass es gefälligst sein Zimmer aufzuräumen hat.“ Oder: „Können Sie einmal mit meinem Mann reden, damit er sich mit unserem vierzehnjährigen Sohn nicht jedes Wochenende sieben oder acht Porno- und Hackfleisch-DVDs reinzieht?“ Das sind zwei Bitten, die durchaus schon mancher Schulleiter und manche Schulpsychologin zu hören bekam.

Dabei wird diese Art von Hilflosigkeit bzw. Selbstentmündigung seitens der Gesellschaft und seitens des Staates sogar noch gefördert. Der Schule werden nämlich immer mehr originär erzieherische Aufgaben aufs Auge gedrückt. Bindestrich- und Segmenterziehungen nenne ich all das, was Schule noch alles leisten und den Eltern abnehmen soll:

  • Medien-Erziehung,
  • Gesundheits-Erziehung,
  • Konsum-Erziehung,
  • Freizeit-Erziehung,
  • Umwelt-Erziehung ….

Die Schule quasi als allmächtige pädagogische Feuerwehr und als gesellschaftliche Reparaturanstalt? Wir sollten als kritische Staatsbürger einmal nachdenken über diese fortschreitende Verstaatlichung von Erziehung!

Aufreger Nummer 4

Natürlich gibt es überforderte Lehrer, und natürlich gibt es kranke Lehrer. Alltagserkrankung und schwere Erkrankungen machen selbst vor diesem Berufsstand nicht halt. Faktum ist aber auch: Die Erkrankungsrate unter Lehrern liegt bei zwei bis drei Prozent, das ist weniger als in der freien Wirtschaft. Diese zwei bis drei Prozent fallen aber auf: Eine Klasse hat dann früher aus, oder es kommt ein klassen- und fachfremder Lehrer hinein, oder die Klasse wird vorübergehend mit einer anderen Klasse zusammengelegt.

In jeder Firma werden im Fall von erkrankten Mitarbeitern Überstunden von den Kollegen geschoben, Ersatzkräfte eingestellt oder die Liefer- und Fertigstellungsfristen gestreckt.

In der Schule ist ein solcher Ausgleich kaum möglich, denn es gibt nahezu keine Vertretungsreserve; eine Mehrarbeit der gesunden Kollegen scheitert oft daran, dass diese oft genug allein schon vom Stundenplan her voll ausgelastet sind. Die Klassen und die Kinder sind aber einfach da, und sie können nicht wie eine Steuerakte eines erkrankten Finanzbeamten oder die Baupläne eines erkrankten Bauzeichners einfach mal ein paar Tage liegen bleiben.

So richtig wütend werden Lehrer aber, wenn man sie seitens der Politik, der Administration und der sog. Bildungswissenschaften im Stich lässt oder gar in die Pfanne haut. Das geschieht immer häufiger, weil Politik, Administration und Bildungswissenschaften meinen, sich im Monatstakt neu profilieren und exhibitionieren zu müssen.

Dabei waren Politik, Administration und Bildungswissenschaften seit Jahren nicht in der Lage und sind es bis heute nicht, trotz exakt vorliegender Rahmendaten für genügend Lehrernachwuchs zu sorgen oder wenigstens den Nachwuchsbedarf halbwegs differenziert zu berechnen.

Schier monatlich wird gleichwohl eine neue pädagogische Reform-Sau durch das Dorf getrieben: wieder ein neuer Lehrplan, noch ein neues Projekt, wieder eine neue Lernstandserhebung, noch eine Evaluation. Und obendrein zum Teil Vorgesetzte in der Schule, im Schulamt, in der Bezirksregierung, in den Ministerien, die nicht zu ihren Lehrern stehen!

Und wenn dann noch primitive Schelten von ganz oben kommen, dann ist bei Lehrern die Schmerzgrenze überschritten. Das war in den letzten Jahren gar nicht so selten der Fall. Amtierende Ministerpräsidenten spielten da eine exponierte Rolle. Für Gerhard Schröder waren Lehrer „faule Säcke“, für Günter Oettinger „faule Hunde“ und Kurt Beck hat angeblich bereits am Dienstag so viel gearbeitet wie Lehrer in einer ganzen Woche. So etwas kommt außerhalb Deutschlands nicht vor, denn dort werden Politiker, die solche Stammtischparolen vom Stapel lassen, nicht mehr gewählt.

In Deutschland aber wird der Lehrer auch noch pseudowissenschaftlich vermöbelt. Für eine OECD sind Deutschlands Lehrer zu alt (wie wenn sie selbst etwas dafür könnten und wie wenn ein Durchschnittsalter von 48 Jahren nicht völlig normal wäre.) Es findet sich dann auch gewiss irgendein Professor, der   obendrein zu wissen meint, Lehrer seien ihrem Job zu einem großen Anteil nicht gewachsen. Da fragt man sich nur, was da schief gelaufen ist, schließlich hat derselbe Herr Professor den Lehrernachwuchs über Jahrzehnte hinweg ausgebildet. Aber die Frage, ob alle Pädagogikprofessoren ihrem Job in der Lehrerausbildung gewachsen sind, wollen wir jetzt nicht stellen. Hintanstellen wollen wir auch die Frage, was denn so verkehrt wäre an der Vorstellung, ein Pädagogik-Professor sollte selbst einmal ein paar Jahre als Lehrer an einer Schule tätig gewesen sein.

Wie sollen Lehrer mit all diesen Umständen und Urteilen umgehen?

Erstens sollten Lehrer – bei aller pädagogisch sonst gebotenen Sensibilität – mehr an sich abprallen lassen und eine Empfehlung beherzigen, die das Lexikon der Pädagogik des Herder-Verlages bereits im Jahr 1914 festgehalten hat. Dort heißt es: Die Erregung der Lehrer über die Zerrbilder und Karikaturen zu ihrem Berufsstand sei „zwar verständlich, im Grund jedoch sollte diese Erregung mit dem Gedanken besänftigt werden, dass Spott und Hohn bei einem so hochstehenden Berufe in der allgemeinen Unvollkommenheit der Menschen ihre Erklärung finden, und dass diesem Spott und Hohn deshalb am besten mit vornehmer Ignorierung begegnet wird.“

Zweitens sollten Lehrer - siehe oben! - über den „Mythos des Sisyphos“ reflektieren. Der französische Philosoph und Nobelpreisträger des Jahres 1957 für Literatur, Albert Camus, hat exakt unter diesem Titel („Der Mythos des Sisyphos“) 1942 einen philosophischen Essay veröffentlicht. Der Untertitel dazu lautet: „Ein Versuch über das Absurde“. Camus greift hier die existentielle Grunderfahrung des Absurden auf – nämlich die Erfahrung der permanenten Konfrontation von Geist und Faktizität, von Hoffnung und Wirklichkeit, von Intention und Ergebnis. Aus diesen Diskrepanzen helfe, so Camus, nur eine Revolte der leidenschaftlichen Selbstverwirklichung – eine Revolte, in der die absolute Verneinung des Faktischen umschlägt in eine absolute Bejahung der gegebenen Welt.

In seinem kurzen Sisyphos-Text gewinnt Camus dem Sisyphos als absurdem Helden deshalb auch viel Positives ab. Camus bewundert an Sisyphos unter anderem dessen Verachtung der Götter und dessen leidenschaftlichen Lebenswillen. Insofern ist es nicht so ganz überraschend, dass dieser Essay mit dem Schlusssatz endet: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Hier liegen zahlreiche Parallelen zwischen Sisyphos und Lehrern auf der Hand (vier an der Zahl):

  •  die permanente Konfrontation auch im Lehrerberuf von Geist und Faktizität, von Hoffnung und Wirklichkeit, von Intention und Ergebnis;
  • der auch im Lehrerberuf gelegentlich notwendige Widerstand gegen vermeintliche bildungspolitische und erziehungswissenschaftliche Götter, der Widerstand gegen den pädagogisch korrekten Mainstream der Test-Fetischisten und Nützlichkeits-Fanatiker;
  • der leidenschaftliche Lebenswille, besser: Überlebenswille der Lehrerschaft;
  • und die mit Blick auf die nachfolgende Generation uneingeschränkt gebotene Bejahung der Welt durch die Lehrer.

So gesehen, können sich Lehrer durchaus als glückliche Menschen sehen – als Menschen nämlich,

  • die wieder und wieder dieselben großen Aufgaben zu wälzen haben und
  • die dies mit pädagogischem Ethos und – falls nötig – mit pädagogischem Trotz tun.

Diese Aufgaben können innovativer und zukunftsträchtiger nicht sein, denn es geht um junge Menschen und um das, was diese an Wissen und Können, an  Identität und Haltung in die Zukunft der Generationen hineintragen.

Das Kommen und Gehen von Jahrgängen von Schülern könnte von Lehrern deshalb auch erlebt werden als Stolz darauf, dass man qua Schülerschaft an die 60 und 70 Jahre in die Zukunft hineinwirkt – nämlich über die ganze Spanne der langen, verbleibenden Biographie der eigenen schulischen Zöglinge. Welcher Beruf kann das schon von sich sagen?

Der lieben Gesellschaft samt politischer Klasse aber sei ins Stammbuch geschrieben, was Karl Jaspers 1966 in sein Buch „Wohin geht die Bundesrepublik“ schrieb: „Es ist ein Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.“

 

Radio Berlin-Brandenburg RBB vom 4. November 2007
F O K U S   P O L I T I K
 (2. Fassung, Januar 2008)

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